Unwahrscheinlich normal

Das Zusammenkommen von HA Schult mit dem Freundeskreis Asyl Karlsruhe

Insight seekings surely age you prematurely, but if all be told, they keep you young when old

Für mich, Christoph Schneller, ältestes Mitglied des fka – Freundeskreis Asyl Karlsruhe e. V., war ein privater Anlass im Jahr 2019 – ein 80. Geburtstag – Startpunkt von etwas ganz unerwartet Neuem.

Zur Mittagszeit fand ich mich im Geheimtipp-Italiener „Hasen“ in Köln an einem Tisch mit HA Schult. Für mich bis dato ein wenig beschriebenes Blatt und trotzdem erkannten wir uns sofort. Aus einem locker-unernsten Small Talk entwickelte sich ein intensives Gespräch mit einem tieferen Eintauchen in meine Biographie (Jerusalemer Missionarskind, Deutschlektor, Landeserkunder in Thailand) und HAs Sicht auf die Welt. Schon von Jugend an hatten sich ihm statt Fortschritt und Glitzer überall Müllmeere geboten, denen er in Armeen von humanoiden Trashies Gestalt verlieh.

Trotz unterschiedlicher Weltbetrachtung konnten wir eine grundlegende Gemeinsamkeit ausmachen: wir beide nehmen die als gegeben geltenden Zeitwahrheiten nicht ganz für bare Münze.

Den überspringenden Funken lieferte schlussendlich die Poesie von Christian Morgenstern, als ich bei der Geburtstagsparty am Abend dessen Tausendjährige Schildkröte vortrug.

In ihrer absurden Freiheit der Sicht von Welt und Leben hat HA Schult wohl etwas Eigenes wiedergefunden. Und wir beide hatten nur in Freiheit den Motor der Hoffnung für unsere Lebensarbeit finden können. Der Leitstern HOPE führt seitdem unsere weit auseinanderliegenden Unternehmungen zu sinngebender Zusammenarbeit unter der einen Aufforderung: LET’S DO IT WITH LOVE zusammen.

HA Schult versucht dies mit seinen Trashies als Augenöffner, der Freundeskreis Asyl über seine seit Jahrzehnten selbst gesetzte Aufgabe von Beratung, Unterstützung und Empowerment Geflüchteter und Zugewanderter im Raum Karlsruhe; und seit 2018 zusätzlich im HOUSE OF HOPE in Dakar. Der Plan ist es, dort gemeinsam aufzutreten:         

AFRICA, THE FUTURE OF EUROPE

heißt die Devise. 

Unverhofft kommt vielleicht gar nicht so oft, dann aber richtig!

Der fka trifft HA Schult auf der ART Karlsruhe

die Ausstellung “YES we can do it” auf Gorée

Der fka – Freundeskreis Asyl Karlsruhe ist seit über 30 Jahren in der Beratung und Betreuung von Geflüchteten aktiv. Im letzten Jahr hatten wir zwei Veranstaltungen mit dem Karlsruher Fotografen Christian Ernst. Mit Kunst können wir Zielsetzungen in der Flüchtlingsarbeit unterstützen. Der Gedanke der Erweiterung und Ergänzung unseres Wirkungskreises durch Projekte im künstlerisch-kulturellen Bereich führte zur Zusammenarbeit mit dem Aktions- und Objektkünstler HA Schult.

Unter der Prämisse „Nur die Kunst bewegt die Zeit“ ist Schult seit den 1960er Jahren aktiver Mitgestalter der internationalen Kunstlandschaft. Als die bekanntesten Arbeiten HA Schults können die sog. „Trash People“ – eintausend lebensgroße, menschenähnliche Skulpturen aus Müll – bezeichnet werden. Seit über zwei Jahrzehnten reisen sie um die Welt, um als Sinnbild unserer Gesellschaft und unseres Lebens – „like refugees of the consumer society“ – an exponierten Orten ausgestellt zu werden (u. a. auf der Chinesischen Mauer, dem Roten Platz in Moskau, im Eis der Arktis, vor den Pyramiden von Gizeh).

Für das Jahr 2020 ist eine Ausstellung von fünfzig solcher Müll-Skulpturen auf der senegalesischen Insel Gorée vor der Küste Dakars geplant. Es werden neue Skulpturen sein – Fusionen aus europäischem Müll und den Überresten einer senegalesischen Hütte. Die Präsentation dieser neuen Art von Trash People richtet den Blick auf eine seit Jahren andauernde Praxis: die Müllexporte in den Globalen Süden.

HA Schult nutzt die diesjährige ART Karlsruhe (13.-16.02.2020), um seine für Mitte des Jahres geplante Präsentation mit dem Titel YES we can do it vorzustellen und gibt dem fka durch eine Widmung die Möglichkeit, mit seinem Projekt House of Hope West-Africa: Trauma und Flucht – Hilfe ist nötig und möglich ebenfalls vor Ort präsent zu sein.

Obgleich beide Projekte unabhängig voneinander entstanden sind, weisen sie in ihrer Thematik Parallelen auf. Sowohl Schult als auch der fka befassen sich mit der Rückführung bzw. Abschiebung unerwünschter „Dinge“ aus Europa/dem Westen in die Länder Afrikas. Bei HA Schult ist es der Müll, im House of Hope sind es die Menschen.

In einer Begleitung des Projekts von HA Schult sieht der fka die Möglichkeit, komplementär und erweiternd auf die Problematiken von Rückführungen bzw. Abschiebungen aufmerksam zu machen und gleichzeitig die Wege zur Heilung und Lösung darzustellen, welche gemeinsam gegangen werden können.

Geflüchtete werden des Landes verwiesen und gemäß der Redensart „aus den Augen, aus dem Sinn“ mitsamt ihren Problemen und den Schwierigkeiten des Herkunftslandes der öffentlichen Sichtbarkeit entzogen und als für Europa wenig relevant gekennzeichnet. Sie geraten – gleich wie der exportierte Müll – in Vergessenheit, spielen keine Rolle mehr für unser Leben. Es fällt leicht, Dinge außerhalb des unmittelbaren Sicht- und Wirkungskreises zu ignorieren. Dabei kann in Vergessenheit geraten, dass auf unserer Erde alles miteinander zusammenhängt. Kein Mensch kann sich dem entziehen.

Gleichzeitig bewegt sich eine Menge im gesamtverantwortlichen Bemühen und interkontinentalen Dialog. Die Bundesregierung hat seit mehreren Jahren ein großes Rückkehrer-Programm „Perspektive Heimat“ eingerichtet. Die Basis hierfür bilden Beratungszentren, in welchen Rückkehrern neben fachlicher Unterstützung (Start-Up-Qualifikationen) auch Gelder für kleine Unternehmensgründungen mit dem Ziel einer gelingenden Re-Integration zur Verfügung gestellt werden.

Das vom fka begründete House of Hope in Dakar gehört zu diesen Zentren. Wir möchten der deutschen Regierung an dieser Stelle für die Projektgewährung herzlich danken, wodurch sie dem Kernaspekt der individuellen, psychischen Stärkung besondere Aufmerksamkeit widmet und einen Wissenstransfer in der Behandlung von Traumafolgestörungen an Einheimische konkret ermöglicht.

Unser herzlichster Dank gilt schließlich HA Schult, der uns durch die Begleitung seiner Aktion die Möglichkeit schenkt, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und ganz im Sinne des Titels „Yes, we can, do it!“ voranzuschreiten.

flyer-goree-haschult

Ein besonderer Gast beim fka

Besuch des Objekt- und Aktionskünstlers HA Schult

Im November war es uns eine große Freude, den international bekannten Aktionskünstler HA Schult mit seiner Frau Anna Zlotovskaya in unseren Räumlichkeiten in der Marienstraße 63 begrüßen zu können. Der Grund des Besuchs: ein gegenseitiges Kennenlernen und der Austausch über ein uns verbindendes Thema – Hoffnung.