Corona und seinen Folgen

Es bzw. die Krankheitsfolgen sind (noch) nicht spezifisch bekämpfbar. Man kann prophylaktisch einiges tun, wie die sehr unterschiedlichen Inzidenzen in den verschiedenen Ländern der Welt zeigen. Die weltweiten sozialen Unterschiede verschärfen sich trotz abfedernder Maßnahmen vieler Staaten. Obdachlosigkeit, Hungersnöte und andere Krankheiten nehmen in Entwicklungsländern, aber auch in den USA zu. Migrant*innen und Flüchtlinge sind auch aufgrund von Grenzschließungen und Reisebeschränkungen die großen Verlierer*innen der Corona-Krise. In Deutschland führen Krisen in vielen Bereichen (Reisebranche, Industrie) zu psychischen und sozialen Verwerfungen, insbesondere in wirtschaftlich prekären Gruppen. Psychisch Kranke sind von diesen Entwicklungen auch insofern betroffen, als auch psychiatrische Krankenhäuser für Corona-Patient*innen Plätze vorhalten und daher stationäre Behandlungen strenger indiziert werden als sonst und ambulante Hilfs-, Arbeits- und Freizeitangebote mit Verweis auf den Schutz der Behandelnden stark reduziert wurden. Telefonische Hotlines wie das Beratungsangebot von Landesärzte-, Landespsychotherapeutenkammer und Sozialministerium in Baden-Württemberg konnten diese Lücke teilweise auffangen, wie der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Parallel gewinnen politische Bewegungen gegen Ungerechtigkeiten („Black Lives Matter“) an Gewicht, allerdings steigen auch gewalttätige Eskalationen in Beziehungen gegen Frauen und Kinder (Studie der Technischen Universität München 02.06.2020) und in einigen Großstädten (Stuttgart, Frankfurt am Main) ebenso an wie „Corona-Risikoverhalten“ in der Freizeit.

Forensiken und Gefängnisse in Mitteleuropa sind trotz der bekannten räumlichen Enge überraschend wenig von Erkrankungen betroffen, dafür umso mehr von den psychosozialen Folgen der verschärften Isolation. Dass Mitarbeitende sich auf Telefon- und Zoom-Konferenzen umstellen, deutlich weniger Dienstreisen und praktisch keine Präsenz-Kongresse mehr (Münchner Herbsttagung und deren Abstracts digital) stattfinden, reduziert einerseits wichtige persönliche Begegnungen, kann aber der Beziehungskultur vor Ort auch nützlich sein. Der Lebensstil in einer Stadt wie Konstanz erinnerte in manchem an die 1970er Jahre, in denen viele auch nur selten verreisten, seltener in Cafés und Restaurants gingen, allerdings im Unterschied zu 2020 große Feste mit vielen Teilnehmenden stattfanden.

Die Schnelligkeit der Ereignisse im März 2020 und ihre Folgen wirken sich auch auf internationale Projekte massiv aus. Selbst war ich Corona-bedingt nur vom 12.03.2020 bis zum 17.03.2020 im House of Hope (HoH) in Dakar im Senegal supervisorisch tätig, ein mehrwöchiger Einsatz dort war ursprünglich avisiert gewesen. Dort werden traumatisierte Flüchtlinge und Rückkehrende aus benachbarten afrikanischen Ländern von senegalesischen Fachkräften psychotherapeutisch betreut. Ausbildner*innen und Supervisor*innen aus Zaire, Ruanda und Deutschland unterstützen diese Tätigkeit.

Die kongolesischen Supervisorinnen und Supervisoren arbeiten in der Vermittlung der geforderten Inhalte wie in den konkreten Fallsupervisionen äußerst kenntnisreich und empathisch, mit Französisch sprechen sie dieselbe europäische Fremdsprache wie die senegalischen Beraterinnen und Berater. Flüchtlinge leiden ja nicht nur an klassischen posttraumatischen Stress-Erkrankungen (PTSD), sondern auch häufig an depressiven Verstimmungen und Suchterkrankungen. Die im HoH vermittelte Narrative Expositionstherapie (NET) wurde primär für PTSD entwickelt und evaluiert, leistet aber auch bei anderen psychischen Erkrankungen wertvolle Dienste. NET betont das subjektive Erleben der Traumatisierten und Erkrankten und stärkt ihre Ressourcen, mit dem Erlittenen besser umgehen zu können. Gemeinsam mit den wegen der Corona-Beschränkungen mittlerweile per skype und WhatsApp arbeitenden Supervisor*innen arbeiten die Berater*innen mittlerweile mit den allermeisten ratsuchenden Flüchtlingen, bei denen unterschiedliche psychiatrische Diagnosen gestellt werden.

Meine gemeinsam mit senegalesischen Kolleg*innen durchgeführten Besuche in einer Jugendstrafanstalt in Daker und in der psychiatrischen Universitätsklinik in Dakar waren von einer eindrucksvollen Offenheit gegenüber den Anliegen des HoH geprägt. Mit den Bediensteten im Gefängnis ist avisiert, dass diese sich selbst in NET ausbilden, um den jugendlichen Gefangenen besser helfen zu können (eventuell im Rahmen eines weiteren, bereits beantragten Projektes). Die Leiterin der Universitätsambulanz sagte zu, noch schneller als bisher im HoH entsprechend psychiatrisch schwerer Kranke aufzunehmen und das HoH bei Bedarf mit spezieller psychiatrischer Supervision zu unterstützen.

Innerhalb weniger Tage beschloss die senegalesische Regierung einen massiven Lockdown zum 17.03.2020, bei damals fünf bekannten Corona-Erkrankten im Land, sämtlich Einreisenden aus Europa. Ausgangssperren von 20.00 Uhr bis 06.00 Uhr morgens wurden brachial durchgesetzt, bereits am 16.03.2020 war der Autoverkehr in Dakar massiv reduziert, da die MittelkIasse zügig mit Homeoffice begann. Die Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen, der Reiseverkehr innerhalb des Landes massiv reguliert. Selbst hatte ich das Glück, mit dem (bis heute) letzten Linienflug von Dakar nach Europa gelangt zu sein und die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland in Konstanz in einer totalen Leere erlebt zu haben. Die Supervisorinnen und Supervisoren aus Zaire und Ruanda stecken bis heute in einem Hotel in Dakar fest und arbeiten mit Telefon-, WhatsApp- und Skype-Konferenzen mit den Beratenden – wenigstens läuft die Finanzierung weiter, und für einige ist die Situation in Senegal angenehmer als in ihrer Heimat.

Einer der führenden Soziologen des Senegal, Felwine Sarr, schrieb in der Süddeutschen Zeitung am 07.04.2020 unter der Überschrift: „Wir sprechen uns nach der Krise“ unter anderem: „Seltsame Zeiten, in denen das Leben auf seine elementaren Funktionen reduziert ist, die biologischen, vegetativen. In denen man sich darauf beschränkt, seine Gesundheit zu erhalten. Und deshalb den anderen meidet, den potentiellen Träger dieser heimtückischen, unsichtbaren Krankheit. Seltsame Zeit, in der man sich darüber klar wird, dass leben mehr ist, als sich am Leben zu erhalten, dass es heißt, mit anderen zu leben, in Verbindung mit anderen… Das Virus ist ein Ergebnis des Anthropozäns, einer Zerstörung der Biodiversität durch eine gedankenlose kapitalistische Produktionsweise und der Hybris eines Viertels der Menschheit, der Europäer und Amerikaner, inzwischen auch der Chinesen. Die ganze Welt zahlt den Preis für deren Leichtfertigkeit und Egoismus. Dieses Virus deckt die Anfälligkeit der Weltgesellschaft auf, ihre Ungleichheit, ihren Mangel an Solidarität. Es erinnert uns, dass wir alle dasselbe Schicksal teilen. Niemand wird den Auswirkungen der ökologischen Krise entgehen, die bereits im Gange ist… Was tun? Verzichten auf den Traum vom Hyperkonsum. Für die im industrialisierten Norden bedeutet das, sich mühsam des Konsums zu entwöhnen. Für die im Süden, die in erzwungener Kargheit leben, bedeutet es Verzicht auf das Traumbild der westlichen industriellen Modernität und dieses Modells der Zivilisation. Eine andere erfinden.“

Literatur (fakultativ)

Heimerl B (2020) Das Coronavirus – Überlegungen zu einem bedrohlichen Fremdkörper. Forum der Psychoanalyse online 07.07.2020.

Richter D & Zürcher S (2020) Editorial. Psychiatrische Versorgung während der COVID-19-Pandemie. Psychiatrische Praxis 47 (4): 173-175.

Sarr F (2020) „Wir sprechen uns nach der Krise!“ Süddeutsche Zeitung 07.04.2020.

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